Ich bin kürzlich über LinkedIn auf eine Heilpraktikerin und eine Darmberatung gestolpert, die bestimmte Tests zur Diagnose von SIBO, SIFO und Leaky Gut und ein sog. „Dünndarm-Screening” anbieten. Was Betroffenen hier als Abhilfe gegen ihre Beschwerden verkauft wird, hat wieder mal meinen eingebauten Bullshit-Detektor aktiviert. Trockenbluttests für ein „Dünndarm-Screening”? Gaschromatographie‑Massenspektrometrie zur Bestimmung von SIBO, SIFO und Leaky Gut? Weil ich von diesen Methoden noch nie gehört habe, habe ich genauer recherchiert und hilfreiche Fakten gefunden, die ich dir natürlich nicht vorenthalten möchte. Dünndarmmikrobiom und SIBO mit Trockenbluttest und Gaschromatographie‑Massenspektrometrie bestimmen – ist das möglich?
- 1. Wissenschaftlich validierte Standards zur Bestimmung einer SIBO / SIFO
- 2. Was ist ein Trockenbluttest (DBS)?
- 3. Mit welchen Methoden wird Trockenblut ausgewertet?
- 4. Warum bestimmt ein Trockenbluttest kein Dünndarmmikrobiom?
- 5. Warum ein Trockenbluttest nicht zur Bestimmung von SIBO / SIFO geeignet ist
- 6. Fazit zum Trockenbluttest zur Bestimmung von Dünndarmmikrobiom und SIBO
- 7. Was leistet die Gaschromatographie‑Massenspektrometrie (GC‑MS) wirklich?
- 8. Das Funktionsprinzip von GC‑MS
- 9. Wofür wird GC‑MS in der Medizin tatsächlich eingesetzt?
- 10. GC‑MS und SIBO, SIFO, Leaky Gut: Was die Evidenz sagt und was nicht
- 11. Was zur Diagnose von SIBO / SIFO / IMO nötig ist und was tatsächlich gemacht wird
- 12. Trockenbluttests zur Bestimmung von Dünndarmmikrobiom und SIBO: Mein Fazit
1. Wissenschaftlich validierte Standards zur Bestimmung einer SIBO / SIFO
Die derzeit wissenschaftlich validierten Methoden zur Bestimmung von SIBO oder IMO sind der Atemgastest mit Glucose für eine höher liegende und mit Laktulose für eine tief liegende SIBO oder IMO. Als Goldstandard gilt weiterhin die Entnahme eines Dünndarmaspirats, was in der Praxis jedoch kaum umgesetzt wird, da das sehr aufwendig und kaum eine Praxis dafür ausgestattet ist. Eine SIFO (Pilzüberwucherung im Dünndarm) kann nur über ein Dünndarmaspirat zuverlässig festgestellt werden. Meist wird diese rein auf Verdacht mitbehandelt. Und selbst diese diagnostischen Methoden sind sehr anfällig für Fehlmessungen, was in vielen unnötigen SIBO-Behandlungen und Antibiotikagaben resultiert. Wie genau sich das mit den Tests verhält, habe ich in meinem Artikel „SIBO-Test: Viele Falschdiagnosen und Probleme” ausführlich erläutert. Alles zu den wissenschaftlich und praktisch validierten Tests zur Feststellung von Leaky Gut ließt du in meinem Artikel „Leaky Gut verstehen”. Und nun drängen Anbieter auf den Markt, die mit komplett indirekten Methoden, also über das Blut, Dysbiosen und Erkrankungen im (Dünn)darm messen wollen? Für mich schreit das nach Abzocke, doch sehen wir uns die Studienlage dazu genauer an.
2. Was ist ein Trockenbluttest (DBS)?
Ein Trockenbluttest („Dried Blood Spot“, DBS) beschreibt lediglich die Probenart: Ein Tropfen Kapillarblut (Fingerpieks) wird auf Filterpapier aufgetragen, getrocknet, später im Labor herausgestanzt und analysiert. DBS eignen sich sehr gut für Breitband‑Metabolomik, also das gleichzeitige Messen vieler kleiner Moleküle im Blut und werden unter anderem zur Diagnostik (seltener) metabolischer Erkrankungen eingesetzt.
Wie letztlich aus diesem Papierscheibchen Daten gewonnen werden, hängt vom Messverfahren ab:
3. Mit welchen Methoden wird Trockenblut ausgewertet?
In der Forschung und klinischen Metabolomik werden DBS v.a. mit folgenden Techniken ausgewertet:
- LC‑MS / MS (Flüssigchromatographie‑Massenspektrometrie): Standard für sehr viele Metabolomik‑Panels
- GC‑MS (Gaschromatographie‑Massenspektrometrie): Eignet sich für kleine Moleküle, die von Natur aus leicht verdampfen, oder die man mit einem kleinen chemischen Umbau verdampfbar machen kann (z. B. bestimmte organische Säuren, einige Fettsäuren). Wird in DBS‑Metabolomik und Lipidomik teilweise ergänzend eingesetzt
4. Warum bestimmt ein Trockenbluttest kein Dünndarmmikrobiom?
Trockenbluttest‑Analysen messen Blutmetabolite und ggf. Lipide, keine Bakterien. Es wird keine Keimzahl aus dem Dünndarm bestimmt. Studien nutzen Trockenbluttests, um systemische Stoffwechselmuster zu erfassen, z. B. bei mitochondrialen Erkrankungen, metabolischem Syndrom oder in der Epidemiologie und nicht um die Zusammensetzung des Dünndarm‑ oder Stuhlmikrobioms zu bestimmen.
Gleichzeitig zeigt eine große Nature Microbiology‑Arbeit zum Blut‑Mikrobiom:
- In einer Kohorte von 9.770 gesunden Erwachsenen fanden die Autoren kein stabiles, gemeinsames Blutmikrobiom; mikrobielle DNA war selten, heterogen und sporadisch
- Die Schlussfolgerung: Es gibt kein „core blood microbiome“ (festes Kern-Blut-Mikrobiom), sondern gelegentliche, vorübergehende Wanderungen aus anderen Körperregionen mit starker Gefahr von Kontaminationen
Das heißt: Weder auf Bakterienebene (DNA) noch auf Metabolitenebene (Stoffwechselprodukte) gibt es aktuell einen validierten Ansatz, der aus Blut – und damit auch nicht aus Trockenblut – ein Dünndarmmikrobiom oder SIBO / SIFO / Leaky Gut zuverlässig abbildet.
5. Warum ein Trockenbluttest nicht zur Bestimmung von SIBO / SIFO geeignet ist
Die ACG‑Leitlinie (American College of Gastroenterology) definiert SIBO folgendermaßen und empfiehlt dafür:
- SIBO: Übermäßige Bakterienmenge im Dünndarm, typischerweise diagnostiziert über
- H₂‑ und CH₄‑Atemgastests mit Glukose oder Laktulose
- Dünndarmaspirat (Duodenalsaft) mit quantitativer Kultur (>10³ KBE / ml)
- In der gleichen Guideline wird kein Trockenblut‑, Metaboliten‑ oder Fettsäuretest als SIBO‑Diagnosewerkzeug aufgeführt
Für SIFO (Small Intestinal Fungal Overgrowth) und IMO (Intestinal Methanogen Overgrowth) gilt in der Literatur das gleiche Prinzip: Die Diagnostik basiert auf Dünndarmaspirat bzw. Atemgastests und nicht auf systemischen Blutmetaboliten.
5. 1. Hintergrundwissen: Wie der Darm im Blut Spuren hinterlässt
- Darmbakterien bauen Nahrungsbestandteile ab (Ballaststoffe, Proteine, Gallensäuren, Polyphenole) und produzieren dabei Metabolite wie z. B. kurzkettige Fettsäuren, sekundäre Gallensäuren und Tryptophan‑Abbauprodukte
- Ein Teil dieser Stoffe wird über die Darmschleimhaut aufgenommen, gelangt über das Pfortadersystem in Leber und Kreislauf und ist dann im Plasma / Serum messbar
- Verändert sich die Darmflora (z. B. Diversität, dominante Bakterienstämme), ändern sich oft auch die Konzentrationen bestimmter Metabolite im Blut
- Bestimmte Muster im Plasma‑Metabolom tragen tatsächlich Informationen darüber, ob das Stuhl‑Mikrobiom insgesamt eher vielfältig oder eher verarmt ist, aber: Es geht um die generelle Diversität im Stuhl und nicht um konkrete Bakterienarten oder Dünndarm‑Profile. 55 % der Varianz bleiben unerklärt, es gibt also viel Rauschen und viele andere Einflussfaktoren, die die Ergebnisse sehr ungenau machen und verzerren
5. 2. GUTSY‑Atlas: Wie stark beeinflusst das Mikrobiom das Blutplasma‑Metabolom?
Eine Nature‑Communications‑Arbeit (SCAPIS‑Kohorte, n=8.583) hat tief sequenziertes Stuhl‑Metagenom mit massenspektrometrischer Plasma‑Metabolomik verknüpft.
Ergebnis: Für ein paar ausgewählte Metabolite hat das Mikrobiom einen starken Einfluss, für viele andere ist der Effekt eher klein.
5. 3. Blut vs. Stuhl‑Metabolom
Eine weitere Nature‑Communications‑Studie 2023 hat Stuhl‑ und Blut‑Metabolome (in den Proben enthaltene Stoffwechselprodukte) systematisch verglichen.
Ergebnis: Das Stuhl‑Metabolom spiegelt die Stuhlflora wesentlich direkter wider. Das Blut‑Metabolom zeigt dagegen viel uneinheitlichere, schwächere Assoziationen und wird stark von Diät (vor allem auch, was man kürzlich gelesen hat), Genetik und Organfunktionen mitbestimmt.
Schlussfolgerung: Unser Blut enthält echte Signale der Darmflora, aber nur Teile davon. Diese sind verwässert durch viele andere Einflussfaktoren und beziehen sich auf das gesamte Darmökosystem und zwar v. a. den Dickdarm und nicht selektiv auf den Dünndarm. Was aus Blutmetaboliten abgeleitet werden kann, sind allenfalls Rückschlüsse auf das gesamte Mikrobiom, dominiert vom Kolon (Dickdarm) und nicht auf eine bakterielle, bzw. pilzbedingte Überwucherung im Dünndarm (SIBO / SIFO). Und auch ein angepriesenes „Dünndarm-Screening” ist damit nicht möglich.
6. Fazit zum Trockenbluttest zur Bestimmung von Dünndarmmikrobiom und SIBO
- Ein Trockenbluttest (DBS) ist eine etablierte Technik für Metabolomik und Screening
- Aber: Es gibt keine Studien, die zeigen, dass ein Trockenbluttest SIBO, SIFO, IMO oder das Dünndarmmikrobiom mit ausreichender Spezifizität oder überhaupt diagnostizieren kann
- Alles, was in diese Richtung behauptet wird, ist wissenschaftlich nicht validiert und steht im Widerspruch zu Leitlinien und Dünndarm‑Mikrobiom‑Forschung. Es ist also reines Marketing und Verkaufe für teuer Geld
| Was Blutmetabolite über dein Mikrobiom verraten und was nicht Grobe Daten: Große Studien zeigen, dass bestimmte Metabolitenmuster im Blut grob widerspiegeln, ob dein Stuhl‑Mikrobiom eher vielfältig oder eher verarmt ist. Ein Panel aus 40 Metaboliten erklärte z. B. rund 45 % der Varianz der Stuhl‑Diversität Fokus auf Dickdarm, nicht Dünndarm: Diese Arbeiten nutzen konsequent Stuhlproben als Referenz. Das Dünndarmmikrobiom ist nachweislich anders zusammengesetzt und wird in Studien direkt über Duodenalaspirat oder Kapseln untersucht und nicht über das Blut Viele andere Einflüsse: Blutmetabolite werden gleichzeitig von Ernährung, Leber‑ und Nierenfunktion, Hormonen, Medikamenten und Genetik geprägt. Für die meisten Metabolite erklärt das Darmmikrobiom nur einen kleineren Teil der Varianz Keine SIBO‑Diagnostik: Es gibt derzeit keine Studie, die ein Blutmetaboliten‑Panel gegen die SIBO‑Goldstandards (H₂ / CH₄‑Atemtest, Dünndarmaspirat) validiert und klare Grenzwerte liefert. Leitlinien empfehlen Blutmetabolomik deshalb nicht zur Diagnose von SIBO, SIFO oder IMO |
7. Was leistet die Gaschromatographie‑Massenspektrometrie (GC‑MS) wirklich?
Gaschromatographie‑Massenspektrometrie ist eine Methode, mit der Trockenblut ausgewertet werden kann und auch hiermit wird direkt zur Feststellungen SIBO, SIFO und Leaky Gut geworben. Was steckt überhaupt hinter diesem Begriff und wofür ist diese Analysemethode gedacht?
8. Das Funktionsprinzip von GC‑MS
GC‑MS ist eine kombinierte Messmethode aus:
- Gaschromatographie (GC): Die Probe wird verdampft und ein Trägergas (z.B. Helium) transportiert die Moleküle durch eine Kapillarsäule. Abhängig von Flüchtigkeit und Wechselwirkung mit der Säulenphase trennen sich die Verbindungen zeitlich
- Massenspektrometrie (MS): Am Säulenausgang werden die Moleküle ionisiert und fragmentiert, das Gerät misst das Masse‑zu‑Ladungs‑Verhältnis der Fragmente und erzeugt so typische Massenspektren als „Fingerabdruck“ der Substanz
GC‑MS eignet sich besonders gut für:
- kleine, relativ flüchtige Moleküle, die sich chemisch umbauen lassen und thermisch stabil sind (z. B. viele organische Säuren, Zuckerderivate, einige Fettsäuren)
9. Wofür wird GC‑MS in der Medizin tatsächlich eingesetzt?
In der peer‑reviewten Literatur wird GC‑MS u.a. genutzt für:
- Toxikologie / Drogenanalytik: Nachweis von Medikamenten, Drogen und Toxinen im Serum oder Urin
- Steroid‑ und Hormonmetabolismus: Eine klassische Übersichtsarbeit beschreibt GC‑MS als „pre‑eminent discovery tool“ für Steroid‑Metabolomik, also Hormonmetabolite im Blutplasma oder Urin
- Metabolomik von Serum / Plasma: GC‑MS‑basierte Metabolomik wurde z. B. eingesetzt, um Serum‑Metabolitprofile bei Endometriose zu charakterisieren und potenzielle Biomarker zu finden
Diese Anwendungen haben gemeinsam:
- GC‑MS dient dazu, spezifische Metabolite oder Muster in Blut, Serum und Urin zu messen
- Die Studien sprechen von „Biomarker‑Analyse“ und nicht von fertigen, routinemäßigen Diagnose‑Tests für SIBO, SIFO oder Leaky Gut
10. GC‑MS und SIBO, SIFO, Leaky Gut: Was die Evidenz sagt und was nicht
Ja, GC‑MS kann z.B. Stoffwechselprodukte messen, die durch das Mikrobiom beeinflusst werden (kurzkettige Fettsäuren, einzelne Aminosäuren, organische Säuren). Sie misst also ein paar Werte indirekt.
Nein, es gibt derzeit keine Leitlinie und keine robusten Validierungsstudien, die einen GC‑MS‑Serum‑ oder Trockenbluttest als Standarddiagnostik für SIBO, SIFO oder Leaky Gut empfehlen.
Die ACG‑Guideline (2020) ist hier sehr klar:
- Diagnostik von SIBO basiert auf Atemtests (H₂ / CH₄) und Dünndarmaspirat, nicht auf GC‑MS‑basierten Blut‑Panels
- GC‑MS taucht dort überhaupt nur indirekt auf und nur als mögliche Methode für spezifische Laborparameter, aber nicht als eigenständiger SIBO‑Test
- Studien, die explizit das Duodenal‑ / Jejunal‑Mikrobiom untersuchen, verwenden Endoskopie mit Aspirat oder neue Kapsel‑Technologien, gefolgt von Kultur + 16S‑Sequenzierung oder Shotgun‑Sequenzierung und nicht die Gaschromatographie‑Massenspektrometrie aus Blut
- Und was ist mit Leaky Gut? GC‑MS kann als Laborwerkzeug Teil eines Permeabilitäts‑Tests sein (Leaky Gut = erhöhte Permeabilität / Durchlässigkeit der Darmschleimhaut), etwa, wenn damit Laktulose und Mannitol im Urin nach oraler Gabe dieser Zucker gemessen werden. Das ist aber etwas völlig anderes, als aus einem zufälligen GC‑MS‑Blutpanel pauschal Leaky Gut zu diagnostizieren. Genau dafür gibt es laut aktueller Literatur keinen validierten Bluttest und keine Leitlinie
Kurz gesagt: Gaschromatographie‑Massenspektrometrie kann bei bestimmten endokrinen oder metabolischen Fragestellungen sinnvoll sein, ist aber kein validierter Standardtest zur Bestimmung des Dünndarmmikrobioms oder zur Diagnose von SIBO, SIFO oder Leaky Gut aus Blut oder Trockenblut.
11. Was zur Diagnose von SIBO / SIFO / IMO nötig ist und was tatsächlich gemacht wird
Damit ein Test SIBO oder SIFO diagnostizieren oder das Dünndarmmikrobiom bestimmen könnte, müsste er:
- entweder direkt Bakterien / Pilze im Dünndarm erfassen (Quantität + Arten)
- oder indirekte Marker (Metabolite) liefern, die in gut designten Studien gegen den Goldstandard (Aspirat + Kultur / Sequenzierung) validiert wurden. Mit klaren Cut‑offs für Diagnose, bzw. keine Diagnose
Der aktuelle Stand ist:
- Für SIBO / SIFO / IMO liefern Guidelines und Studien nur Evidenz für:
– Atemtests (H₂ / CH₄)
– Dünndarmaspirat mit Kultur + Sequenzierung - Es gibt keine publizierten, robusten Validierungen, in denen ein Trockenblut‑ oder GC‑MS‑Serum‑Test als alleinige Diagnostik für SIBO oder SIFO getestet und mit diesen Referenzmethoden verglichen wurde
Fazit: Weder Trockenbluttests allgemein noch die GC‑MS‑Metabolomik sind aktuell anerkannte Verfahren, mit denen man sicher sagen könnte, dass SIBO, SIFO oder IMO vorliegen und sie liefern auch kein „Dünndarm-Screening”.
12. Trockenbluttests zur Bestimmung von Dünndarmmikrobiom und SIBO: Mein Fazit
Ich kann es nur immer wieder sagen: Pass auf, was du dir von diversen Beratern und Heilpraktikern als angebliche Diagnosemethoden andrehen lässt! Wie erklärt, lassen diese Tests Rückschlüsse auf Stoffwechselvorgänge im Darm zu, doch nicht auf die Zusammensetzung des Mikrobioms, die Diagnose von SIBO, SIFO oder IMO oder gar ein ganzes „Screening” des Dünndarms. Als die Dame mir sagte, dass sie so etwas anbietet, musst ich auch erstmal nachfragen, was sie denn darunter versteht. Ihre Erklärung und ein Blick auf ein ähnliches Angebot einer Heilpraktikerin haben mich zu den weiteren Recherchen und diesem Artikel geführt. Letztlich bin ich also froh, dass ich auf diese Themen gestoßen bin, da ich wieder mehr gelernt habe und meine Erkenntnisse an dich weitergeben konnte. Lass dich nicht von Marketing und großen Versprechen blenden. Vor allem nicht, wenn die angepriesenen Methoden sehr teuer sind, was sie in der Regel sind. Ein ähnliches Thema habe ich in meinem Artikel „Ätherische Öle und die Darmflora” behandelt. Hier geht es auch um leere Versprechungen, die mehr schaden als nützen. Genau, wie diese ungeeigneten Testverfahren, die für Betroffene die Leidenszeit unnötig verlängern, so dass sich Zustand und Symptome im Zweifel nur weiter verschlimmern.
Wissenschaftliche Quellen
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https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12030604/
FAQ: Trockenbluttest & Gaschromatographie bei SIBO, SIFO und Leaky Gut
Kann ein Trockenbluttest SIBO zuverlässig diagnostizieren?
Nein. Ein Trockenbluttest (Dried Blood Spot, DBS) misst Stoffwechselprodukte im Blut, keine Bakterien. Für eine zuverlässige SIBO-Diagnose sind laut ACG-Leitlinie (American College of Gastroenterology, 2020) nur H₂ / CH₄-Atemgastests oder die Analyse eines Dünndarmaspirats anerkannt. Es gibt bislang keine einzige Studie, die einen Trockenbluttest als validierten Diagnosestandard für SIBO belegt.
Was misst ein Trockenbluttest überhaupt?
Ein Trockenbluttest ist kein eigenständiges Diagnoseverfahren, sondern eine Probenform: Ein Tropfen Blut auf Filterpapier wird getrocknet und im Labor ausgewertet. Er misst Blutmetabolite wie Aminosäuren, Fettsäuren oder organische Säuren, also Stoffwechselprodukte, die sich im Blut befinden. Rückschlüsse auf das Dünndarmmikrobiom oder konkrete Erkrankungen wie SIBO, SIFO oder Leaky Gut sind daraus nicht möglich.
Was ist Gaschromatographie-Massenspektrometrie (GC-MS) und wofür wird sie eingesetzt?
GC-MS ist eine präzise analytische Messmethode aus Medizin und Chemie. Sie wird eingesetzt für Toxikologie und Drogenanalytik, für Hormon- und Steroidmessungen im Blutplasma oder Urin sowie für Serum-Metabolomik in der Forschung. GC-MS ist ein hochwertiges Laborwerkzeug, aber kein eigenständiger Diagnosetest für SIBO, SIFO oder Leaky Gut.
Kann man mit GC-MS Leaky Gut feststellen?
Nicht über ein einfaches Blutpanel. GC-MS kann zwar als Analysemethode Teil eines Permeabilitätstests sein, etwa wenn nach oraler Gabe von Laktulose und Mannitol deren Ausscheidung im Urin gemessen wird. Das ist aber etwas völlig anderes, als aus einem allgemeinen GC-MS-Blutprofil pauschal auf ein Leaky Gut zu schließen. Laut aktuellem Forschungsstand gibt es keinen validierten Bluttest, mit dem ein Leaky-Gut-Syndrom sicher diagnostiziert werden kann.
Was sagt die Forschung: Kann das Blut Rückschlüsse auf das Darmmikrobiom liefern?
Ja, aber nur sehr begrenzt und nur auf das Dickdarm-Mikrobiom. Große Studien (u. a. Nature Biotechnology, 2019; GUTSY-Atlas, Nature Communications, 2022) zeigen, dass bestimmte Muster im Plasma-Metabolom grob widerspiegeln können, ob das Stuhlmikrobiom insgesamt eher vielfältig oder verarmt ist. Aber: 55% der Varianz bleiben unerklärt, Blutmetabolite werden stark von Ernährung, Genetik und Organfunktionen beeinflusst und das Dünndarmmikrobiom lässt sich so überhaupt nicht erfassen.
Wie wird das Dünndarmmikrobiom in der Wissenschaft wirklich untersucht?
Wissenschaftliche Studien untersuchen das Dünndarmmikrobiom ausschließlich direkt über Duodenalaspirat (durch eine Magenspiegelung entnommener Dünndarminhalt), der anschließend kultiviert und / oder per 16S-rRNA- oder Shotgun-Sequenzierung analysiert wird. Neuere Methoden nutzen spezielle Kapseln (z. B. SIMBA), die Flüssigkeit gezielt aus dem Dünndarm sammeln. Blutproben – ob venös entnommen oder als Trockenblut – kommen in diesen Studien nicht als Methode zur Mikrobiom-Analyse vor.
Warum ist hochwertige Technik kein Qualitätsbeweis für einen Diagnosetest?
Weil Messmethode und inhaltliche Validierung zwei verschiedene Dinge sind. GC-MS oder LC-MS / MS sind analytisch hochpräzise, das sagt aber nichts darüber aus, ob das, was gemessen wird, tatsächlich SIBO, SIFO, IMO oder Leaky Gut anzeigt. Dafür bräuchte es eigene Validierungsstudien mit klaren Grenzwerten, die gegen den medizinischen Goldstandard (Atemtest, Dünndarmaspirat) getestet wurden. Solche Studien existieren für diese kommerziellen Panels nicht.



